Das Europapraktikum

Hinterm Horizont geht’s weiter …

Die Stärkung der gewerkschaftspolitischen Handlungskompetenz, also wirtschaftliche, rechtliche, soziale und kulturelle Interessen von ArbeitnehmerInnen besser durchsetzen zu können, ist das Hauptziel der Vollzeitausbildung an der Sozialakademie der Arbeiterkammer (SOZAK).

Die Erreichung dieses Ziels ist sehr eng mit der sich rasch verändernden Arbeitswelt verknüpft, deshalb ist es von großer Wichtigkeit, die Lehrgangsinhalte laufend zu überprüfen und an neue Anforderungen von ArbeitnehmervertreterInnen anzupassen. So müssen sich etwa BetriebsrätInnen und GewerkschaftssekretärInnen immer mehr mit der stärker werdenden Europäisierung und Internationalisierung auseinanderzusetzen, denn die Dynamik in der politischen Gestaltung Europas nimmt stetig zu, die Unternehmen sind mehr denn je grenzüberschreitend tätig, und das hat vielfältige Auswirkungen auf ArbeitnehmerInnen und ihre InteressenvertreterInnen.

Eine wesentliche Aufgabe von gewerkschaftlicher Bildungsarbeit ist es, auf diese Entwicklungen einzugehen und die GewerkschafterInnen und BetriebsrätInnen viel stärker anzuregen, international zu denken und zu handeln. Der Anteil der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit auf europäischer und internationaler Ebene hat sich in den vergangenen Jahren zwar verstärkt, ist aber trotzdem noch das Geschäft weniger ExpertInnen. Ziel sollte es aber sein, ArbeitnehmervertreterInnen auf allen Ebenen grenzüberschreitend aktiv werden zu lassen, um die Zusammenarbeit der Gewerkschaften auf europäischer Ebene zu verbessern und eine immer noch vorhandene Europaskepsis abzubauen.

Diese Möglichkeit bietet die SOZAK seit heuer ihren TeilnehmerInnen und schickt sie im Rahmen ihrer 10monatigen Ausbildung für ein Monat in europäische Länder, wo sie bei Gewerkschaften, in Betrieben oder Arbeitnehmerinteressenvertretungen den internationalen Gedanken leben. So werden die TeilnehmerInnen des 60.Sozialakademie-Lehrgangs im Juni 2011 etwa bei der IG-Metall in Hannover, bei der ver.di in Berlin, bei der Unison in London, der Firma Nokia in Helsinki, der Firma Ikea in Stockholm oder im AK/ÖGB-Büro in Brüssel (um nur einige Beispiele zu nennen) ihr Auslandspraktikum absolvieren können.

Dieses Auslandspraktikum wird aber nicht bloß an die 9monatige Blockphase angehängt, sondern ist integraler Bestandteil des SOZAK-Gesamtkonzepts. Neben einer Erweiterung führt dies auch zu einer sinnvollen Abrundung der Ausbildung, denn viele theoretische Inputs des Lehrgangs zielen direkt auf die internationale gewerkschaftliche Handlungskompetenz ab. Durch die praktische Erfahrungen im Ausland werden diese noch besser verstanden.

Selbstverständlich werden die SOZAK-TeilnehmerInnen intensiv auf das Auslandspraktikum vorbereitet. Bei der umfassenden fachlichen Ausbildung in Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Politischer Ökonomie, Sozialpolitik/Sozialversicherung, Politik, Arbeitsrecht und Arbeitsverfassung wird verstärkt auf internationale Umstände eingegangen und dieser Ebene besonderes Augenmerk beigemessen. So wird die soziale, wirtschaftliche und (gewerkschafts)politische Situation in Österreich verstärkt mit jenen anderen Länder verglichen und bei Gruppenarbeiten werden vermehrt europäische Fallbeispiele herangezogen. Durch den bevorstehenden Aufenthalt im Ausland werden die LehrgangsteilnehmerInnen angeregt, sich noch intensiver mit den Gegebenheiten anderer Länder – speziell ihrem Zielland – auseinanderzusetzen und ihre diesbezüglichen Kenntnisse zu vertiefen, was auch für ihre aktive Arbeit in den Gewerkschaften und Betrieben positive Auswirkungen verspricht.

Auch der Englischunterricht wird verstärkt durchgeführt und nimmt Hemmungen, englischsprachige oder skandinavische Staaten als Zielländer anzupeilen.

Eine EU-Intensivwoche plus einer Studienreise nach Brüssel, bei der die SOZAK-BesucherInnen neben den europäischen Institutionen auch die internationale Arbeit von ÖGB und AK kennenlernen, stellen wichtige Bestandteile des Lehrgangs dar und sind eine Vorbereitung auf das Auslandsmonat.

Bei der Vorbereitung auf das Auslandspraktikum werden die SOZAK-TeilnehmerInnen neben der Lehrgangsleitung auch von ihren zuständigen Gewerkschaften, die bei sämtlichen Schritten voll eingebunden sind, unterstützt. In enger Absprache mit den Bildungssekretären und den Internationalen Sekretären legen die Lehrgangsleitung und die SOZAK-TeilnehmerInnen die Zielländer und –organisationen fest, wobei neben den individuellen Interessen vor allem auf die gewerkschaftlichen Interessen geachtet wird, denn die Erkenntnisse sollen möglichst vielen KollegInnen in den Betrieben und den Organisationen für ihre praktische Arbeit von Nutzen sein. Aus diesem Grund werden die BesucherInnen des SOZAK-Lehrgangs vor ihrer Abreise mit konkreten Arbeitsaufträgen ausgestattet. Die Aufträge sollen den PraktikantInnen einerseits eine Orientierung geben, was sich die Gewerkschaften von ihrem Auslandspraktikum erwarten und andererseits wird ihnen damit noch stärker bewusst, worauf sie in diesem Monat bei ihrer Arbeit in einem ausländischen Betrieb oder einer europäischen Gewerkschaftsorganisation zu achten haben.

Jeder SOZAK-Teilnehmer erhält während des Auslandsmonats einen von der Lehrgangsleitung und der Gewerkschaft ausgewählten Betriebsrat oder Gewerkschaftssekretär in der jeweiligen ausländischen Organisation zur Seite gestellt, der sie betreut und auch bei allfälligen organisatorischen Angelegenheiten unterstützt. Dieser greift den TeilnehmerInnen auch bei der Erfüllung der Arbeitsaufträge unter die Arme und ist ihnen bei der Erweiterung ihres ausländischen Netzwerks behilflich. Die fachkundige Betreuung ist ein wichtiger Bestandteil, denn nur so ist gewährleistet, dass das SOZAK-Auslandspraktikums den größtmöglichen Mehrwert für die TeilnehmerInnen und die entsendenden Organisationen mit sich bringt.

Zurück in Österreich werden die Ergebnisse mit den VertreterInnen der Gewerkschaften diskutiert und von jedem Teilnehmer in einem ausführlichen Praktikumsbericht zusammengefasst. Diese Berichte stehen – ähnlich den Projektarbeiten an der SOZAK – den Gewerkschaften und BetriebsrätInnen für ihre Arbeit zur Verfügung. Damit sollen die Kenntnisgewinne nicht nur auf die AuslandspraktikantInnen beschränkt bleiben, sondern so vielen KollegInnen wie möglich in ihrer täglichen Arbeit zu Gute kommen und helfen, die ArbeitnehmerInnen bestmöglich zu vertreten.

Die Lernziele eines derartigen Praktikums sind vielfältig. Durch das Auslandspraktikum lernen die TeilnehmerInnen Arbeits- und Lebensbedingungen anderer Länder ebenso wie die Strukturen der jeweiligen Gewerkschafts- und Interessensvertretungsorganisationen kennen. Außerdem machen sie sich mit den politischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen unter denen die dortigen ArbeitnehmervertreterInnen tätig sind vertraut. Des Weiteren ist es wichtig, dass die TeilnehmerInnen erfahren, welche Organisierungs- und Mobilisierungskonzepte unsere Partnerorganisationen und –betriebe erfolgreich anwenden. Das solidarische Handeln soll gestärkt und ein Informations- und Kooperationsnetzwerk geschaffen werden, das in der Folge auch die österreichischen Gewerkschaften und BetriebsrätInnen für sich nutzen können. Außerdem lernen sie, ihre Erfahrungen und Kenntnisgewinne aus diesem Auslandspraktikum für ihre KollegInnen und Organisationen aufzubereiten, um es für diese optimal nutzbar zu machen. Das Auslandsmonat in der SOZAK ist ein wichtiger Schritt in der gewerkschaftlichen Bildung hin zu mehr Internationalität, europäischer Vernetzung und länderübergreifender Handlungsfähigkeit von Gewerkschaften und Betriebsratskörperschaften.