Mal etwas Praxisnähe

Tag 11
22.4.2015

Vor meinem heutigen Beitrag lege ich großen Wert darauf festzuhalten, dass sich mein heutiger Befund nicht auf das ÖGB Europabüro bezieht. Es ist mehr eine Aufnahme des Wesens der Stadt und ihrer Institutionen als Ganzes. Meinen KollegInnen hier möchte ich ein sehr positives Zeugnis ausstellen.

Über wenige löbliche Ausnahmen hinaus ist die Erste große Lehre aus dem Praktikum in Brüssel schnell gezogen. Hier wird sehr viel theoretisch diskutiert. Es ist eine schöne Sache mit Gott und der Welt über Gott und die Welt zu philosophieren. Leider ist es auch leicht bei Diskussionen über volkswirtschaftliche Theorien und dem Flanieren von einem Buffet zum nächsten den eigentlichen Auftrag aus den Augen zu verlieren. Oft zeigt sich auch am Ergebnis der Diskussion, die Unkenntnis über die reale Situation vieler ArbeitnehmerInnen in den Heimatländern.

Die Abendveranstaltung des DGB heute Abend zum Thema “faire Mobilität” ist eine angenehme Ausnahme. In der Brüsseler Tradition beginnt sie mit einem verlesenen Statement, welches man wahrscheinlich besser aus dem Internet entnehmen hätte können. Etwas später nehmen auf der Bühne junge Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache Platz. Alle haben sie sich ein Sakko übergestreift. Man sieht ihnen an, dass sie es sehr selten tragen.

Als sich die KollegInnen am Podium als BeraterInnen für grenzüberschreitend verliehene ArbeitnehmerInnen zu erkennen geben wird die Veranstaltung spannender. Nacheinander erzählen sie über die Fälle, die ihnen in der Praxis begegnen. Vielfach ist hier die Rede von zu wenig oder nicht bezahlten Lohn. Oft werden die betroffenen ArbeitnehmerInnen gegen ihren Willen in Unterkünften des Arbeitgebers untergebracht. Diese Schlafstellen werden zudem den ArbeitnehmerInnen in Rechnung gestellt oder direkt vom Gehalt abgezogen. Alles Umstände dir ich aus zahllosen Dokumentationen kenne. Schockierender, weil für mich neuer, ist die Machtlosigkeit, mit der die BeraterInnen in der Durchsetzung der Rechte der ArbeitnehmerInnen zu kämpfen haben. Oft gibt es keine rechtliche Handhabe und nur die Androhung medialer Präsenz verbleibt als letztes Druckmittel.

Die Lehre des Tages
Zur Durchsetzung der Rechte von ArbeitnehmerInnen braucht es nationales und europäisches Recht, das gut koordiniert ist. Wenn wir hier in Brüssel auf diesem Gebiet verlieren, dann können wir dies mit nationalen Recht nur schwer reparieren.

Euer Lobbyist

EWSA über Flüchtlinge und Altpapier

Tag 11

22.4.2015

Gekämmt und gestriegelt geht es zum Europäischen Wirtschafts und Sozialausschuss kurz EWSA, besser gesagt zuerst zur Vorbesprechung der ArbeitnehmerInnenvertreterInnen (Gruppe 2).

EESC

Meine Erwartungshaltung an die GewerkschafterInnen im Europäischen Wirtschafts und Sozialausschuss ist dabei zutiefst optimistisch. Immerhin stehen große Themen an. Man könnte sich klar zur Katastrophe im Mittelmeer positionieren. Auch wäre eine Diskussion über angedachte neue unternehmerische Gesellschaftsformen in diesem Rahmen längst überfällig. Tatsächlich zeigen sich einige bemüht über die Situation im Mittelmeer zu sprechen. Über den kleinen Bildschirm sehe ich stets live ein Video des aktuellen Sprechers oder der aktuellen Sprecherin. Viele sind bemüht bei ihrer Wortmeldung möglichst betroffen zu wirken. Nicht jeder und jedem würde ich dafür zu den Academy Awards vorschlagen. Interessant wird die Diskussion erst, als ein Vertreter aus einem Staat am Mittelmeer kritisiert, dass sich im Plenum nur VertreterInnen aus Ländern im Süden gemeldet haben. Er ergänzt die Anschuldigung, der Norden drücke sich hier vor seiner Verantwortung um die hohe symbolische Bedeutung, die eine Wortmeldung aus diesen Ländern hätte.

Kurz darauf wird es richtig emotional. Die Stimmung geht hoch. Ein Thema von historischer Bedeutung liegt im Raum. Es geht um Altpapier und den Kampf einiger älterer Gewerkschafter (haben sich nur Männer gemeldet) gegen eine zunehmende Digitalisierung der Arbeit im EWSA. Endlich kann ich das Feuer in den Augen erkennen, dass es zu einer engagierten Interessenvertretung braucht. Immerhin geht es darum, dass sich die VertreterInnen ihre Dokumente bei Bedarf selbst ausdrucken sollen. Ich bereue ein wenig, dass ich Englisch, und daher auch ohne Kopfhörer der Diskussion zum Teil folgen kann. Es wäre schön gewesen einfach ohne Text diese Emotionalität im Auftritt zu sehen und sich vorzustellen, es würde jetzt um die Toten im Mittelmeer gehen. Nach ein paar weiteren Berichten und einer internen Aufteilung der Redezeit im Plenum des EWSA überlege ich als Arbeitnehmer in die Papierindustrie anzufangen. Dies scheint jene Gruppe zu sein, die hier am besten vertreten ist.

Die Lehre des Tages

Vor der proletarischen Weltrevolution ausreichend Papier einkaufen.

Euer Lobbyist

Wenn ich 22 Stunden die Woche demonstrieren würde…

Tag 7

18.4.2015

Wäre ich Dienstagmittag noch nicht ganz fertig. Beeindruckend ist das Format und die Dauer der von belgischen Christgewerkschaften (ACV CSC) organisierten Aktionstage aber allemal. Die Mehrheit der in Wien organisierten Demonstrationen der Gewerkschaftsbewegung würde man hier wohl als Pressetermine bezeichnen.

TTIP und CETA stehen auf den Programm. Ein volles Haus scheint vorprogrammiert.

9:30

Erster Treffpunkt in einem Haus der Gewerkschaft. Als ich den Namen meines Kontaktes nenne führt mich eine Frau in den Keller. Da ich ihr nicht gesagt habe, wo ich herkomme folge ich ihr angstfrei. Der Keller sieht so aus, als hätten autonome Linke ein Cineplex besetzt. Es sind im Grunde Kinosäle, deren Wände mit allen möglichen politischen Botschaften verziert sind. Ich erkenne T-Shirts mit der französischen Aufschrift “Frauen sind nicht handelbar”. Nach einer kurzen Übersetzung einiger anderer Plakate und Transparente durch eine Sitznachbarin beginnt eine Diskussion über den Grund der Demonstration. Diese dauert bis 12:00. In der Mittagspause gibt es Sandwiches gegen eine kleine Spende. Spätestens jetzt wird es wirklich eng im Raum und der Sauerstoff knapp.

13:00

Zurück in die Säle. Es wird direkt vor Ort noch besprochen, was genau auf der Demonstration gemacht wird. Zu dieser Besprechung ist tatsächlich die gesamte Öffentlichkeit eingeladen und sehr viele TeilnehmerInnen nehmen diese Einladung war. Als sich ein junger Mann zu mir in den normalgroßen Kinostuhl setzt erkenne ich den Wert des gewerkschaftlichen “Du”. Zumal ich ohnehin kein Wort der jetzigen Diskussion verstehe beschließe ich den Raum zu verlassen und zur Demo wieder zu kommen. Die Räume sind so überfüllt, dass ich eine gewisse Zeit dafür benötige.

14:00

Mittlerweile habe ich Peter Marchsteiner getroffen. Zu uns gesellen sich kurz zwei nette KollegInnen aus der EGÖD. Kurz darauf setzt sich die Kolonne in Bewegung. Ich freue mich. Erstens ist eine sehr angenehme Stimmung und zweitens glaube ich zu diesem Zeitpunkt noch, ich hätte meinen Arbeitstag bald erfüllt.

14:40

Die DemonstantInnen singen ein Lied nach dem anderen. Texte dafür wurden von freiwilligen HelferInnen verteilt. Leider sind diese sehr schnell ausgegangen. Die Zahl der DemonstrantInnen steigt stetig.

15:30

Es scheint die Demonstration hat den Vorsatz uns Wienern möglichst viel von der Stadt zu zeigen. Wir marschieren weiter.

16:00

Beeindruckt, aber durstig ziehen sich Peter Marchsteiner und meine bescheidene Wenigkeit aus dem Geschehen zurück. Ich weis nicht, wann unsere belgischen KollegInnen aufgehört haben zu demonstrieren. Wahrscheinlich sind sie immernoch unterwegs und singen.

Meine Lehre aus dem 7. Tag

Ich habe ein spannendes Format für einen Aktionstag und die Einbindung von DemonstrantInnen kennengelernt. Ob unsere Feuerpolizei in Wien das so sieht ist allerdings eher fraglich. Auch würden mich meine KollegInnen aus dem Veranstaltungszentrum des Catamaran lynchen, wenn ich ihnen die Räume so verschönere.

Euer Lobbyist

Von Lobby Wunderländern

Tag 3
14.4.2015

Es wird ernst in Brüssel. ÖGB und AK stellen die Frage „CETA and TTIP – A Lobby-Wonderland for Industry and Business?“ Eine wichtige und richtige Fragestellung der hier in den letzten Monaten offensichtlich immer wieder intensiver nachgegangen wurde.

Auch ich könnte jetzt mit einem gewaltigen Wortschwall darauf eingehen, aber erstens haben das meine KollegInnen vom ÖGB Europabüro bereits vortrefflich im Bericht unter http://www.oegb-eu.at/servlet/ContentServer?pagename=S05/Page/Index&n=S05_0.a&cid=1426089936117 getan und zweitens hebe ich mir noch ein wenig Munition für den Reisebericht auf.
Stattdessen lege ich die Frage auf die Veranstaltungen des ÖGB Europabüro um. Tatsächlich war der Abend maßgeschneidert für Menschen, die erstens sehr politisch und wirtschaftlich interessiert sind und zweitens sehr gerne an einem Werktag um 7:30 mit der U3 von Simmering zum Stephansplatz fahren. Die Veranstaltung war so voll, dass einige Gäste beim Fenster in den Saal hinein gesehen haben. Ich selbst konnte ihr nur dank der Funkverbindung des Übersetzungsgerätes folgen.
Sehr früh haben einige Gäste (ich war fast geneigt Weicheier oder WarmduscherInnen zu schreiben) aufgegeben und sind vor Beginn der Veranstaltung gegangen. Sehr Schade, den sie haben einiges verpasst.

Die Lehre des dritten Tages:
Nur die Harten kommen ins Lobby Wunderland und öfters die Artikel auf der Homepage des ÖGB Europabüro lesen.

Euer Lobbyist

Öfter mal duschen

Tag 2

Tag 2

13.4.2015

Am Anfang scheint es in Brüssel um Zärtlichkeiten zu gehen und darum, wie man sie minimiert. Man gewinnt den Eindruck, dass es hier in jedem Haus eine Sicherheitskontrolle mit mehreren Schleusen gibt.

Wieder habe ich Glück. Weder läutet der Metalldetektor noch scheine ich der Typ des Security zu sein. Er lässt mich ohne weitere Kontrolle passieren. Den Vormittag verbringe ich außer mit Sicherheitskontrollen auch mit dem Abholen von Zutrittskarten mit unterschiedlichen Berechtigungen. Am Rande höre ich, wie sich Kollegen über die Farbe meiner neuen Zutrittskarten unterhalten. Offensichtlich komme ich alleine nicht überall hinein, wo ich mich bewegen werde. Ich werde daher bei ein paar Terminen begleitet. Unbequem für die Damen und Herren, die dies tun müssen. Ich persönlich freue mich aber darauf, den einen oder anderen Praktiker so kennen zu lernen.

Nach einer kurzen Besprechung, zu einer TTIP Diskussionsveranstaltung morgen Abend, habe ich alle möglichen Freiheiten meinen Aufgaben nachzugehen.

Die Lehre des zweiten Tages:

Nett sein zu jenen, die mich in eine Institution lassen und gelegentlich mal Duschen um ihnen diese Arbeit so angenehm wie möglich zu gestalten.

Euer Lobbyist

Ankommen in Brüssel

Tag1

Tag 1

12.4.2015

Ein Monat Praktikum als Gewerkschafter in Brüssel. Die Dauer ist dabei die Herausforderung. Da ich in Wien schon den einen oder anderen Luxus gewöhnt bin, schien mir die Zeit für eine billige Pension zu lang. Ein Monat ist im Normalfall für eine Wohnung wiederum recht kurz und für ein Appartement fehlt es mir an Geld. Während jene mit komfortableren finanziellen Hintergrund gemütlich, zumindest aber risikolos im nächsten Hotel einchecken, beziehe ich eine private Wohnung.Gastgeberin und Wohnung sehe ich das erste Mal vor Ort.

Ich habe Glück. Weder öffnet mir ein Serienmörder die Türe, noch entpuppt sich die Wohnung aus dem Internet als Schlachtfeld. Meine Gastgeberin holte mich vom Flughafen ab. Sie wohnt seit ein paar Monaten immer wieder ein paar Wochen bei ihrem Lebensgefährten und vermietet ihre eigenen vier Wände tageweise. Die Wohnung ist tatsächlich sehr schön und in einem ausgezeichneten Zustand. Schnell habe ich meine sieben Sachen ausgepackt. Ein wenig später gewöhne ich mich auch an die vielen privaten Dinge meiner Gastgeberin, die die Wohnung zieren. An Daheim erinnert mich ein kitschig schöner Fotopolster, den ich zum Abschied als von meiner Freundin bekommen habe.

Die ersten Lehren aus dem Praktikum sind bereits gezogen.

Mit etwas Glück ist auch kurzfristige Untermiete eine tolle Sache und am richtigen Ort und zur richtigen Zeit ist Kitsch einfach notwendig.

Euer Lobbyist